Literatur ... leistet das Paradox, glücklich zu machen, auch wenn sie von Unglück spricht.

(Ilma Rakusa)

In der Literatur das Weite suchen

Letztlich also geht es immer wieder darum, einem Wissen zu begegnen, das über die Literatur und die Sprache in die Welt kommt. Über Bücher und Texte, die sich ins Unvermessene, ins Unvertraute, ins noch nicht Begriffene begeben und die uns mitnehmen dahin und die so unsere Fähigkeit zur Neugier und zum Staunen und zur Phantasie erproben.
 
Die Literatur unternimmt eine andere Sichtung der Dinge und ordnet sie neu, sie nimmt nicht nur das Wirkliche als Maß, sondern auch das Mögliche, das noch nicht Gewordene - weil sie weiß, dass noch längst nicht alles zu Ende begriffen ist und dass sich immer noch weitere Welten denken und entwerfen und erzählen lassen.
Was ihr zugrunde liegt, ist ein erweiterter Blick, ein Blick, der aufs Ganze geht, der im Sichtbaren mitsieht, was darunter liegt, das Verborgene, Verschüttete, die geheimen Zusammenhänge. Ein Blick, der das, was sich als Wirklichkeit ausgibt, im Medium der Sprache so lange durchquert, bis es sich von anderen Seiten zeigt und in neuem Licht. Die Welt wird dann sehr groß und offen für weitere Bedeutungen, für ein Erkennen abseits dessen, was immer schon gewusst wurde. Für eine Verschiebung des Sehens, die uns aus der Gewohnheit wirft.
Wie macht die Literatur das? Mit einer Praxis der Wahrnehmung, die immer auch eine des Erfindens ist. Mit einer Phantasie, die ungeheuer exakt und präzise ist. Und mit einem Denken, das offen und beweglich bleibt, das sich hinaustraut in Zonen, die weder inhaltlich noch ästhetisch abgesichert sind.

Und dort dann, in solchen Zonen, mag es den glücklichen Moment geben, wo sie, die Literatur, anstreift ans eigene Leben, das eben auch ein sehr weites Feld ist mit seinen Träumen und Ängsten und Sehnsüchten, und wo wir uns plötzlich wieder weiter sehen und weiter denken trauen, nach hinten wie nach vorn, und wir uns wieder einmal neu fragen dürfen, woher wir kommen und wer wir sind.