Sätze und Passagen

 

Rede zur Gedenkveranstaltung beim antifaschistischen Mahnmal Salzburg, 27.1.2017

Ein Dankeschön für die Einladung, hier zu sprechen. Ich bin gebeten worden, es mit einem Bezug zur Gegenwart zu tun. Und beginne dennoch beim Wort „Erinnern“, einem Wort, das - in dem Kontext gedacht, in dem wir hier in diesem Moment stehen - Unruhe auslöst, weil es mich an die Grenzen des Denk- und Fühlbaren bringt. Dabei möchte sich doch die Funktion von Erinnern geradezu gegenteilig verstehen: ein scheinbar Vergangenes in die Gegenwart zu holen, um uns einzubringen in einen größeren Zusammenhang, indem wir uns dessen vergewissern, was vor uns war, um uns in eine Kontinuität zu stellen damit und um uns abzusichern, nach hinten wie nach vorn. Weil es, wo es ein Vorher gibt, auch ein Nachher geben muss. Wir müssen uns also erinnern, damit wir so etwas wie Zukunft haben.

Wie aber ein Erinnern ertragen, das uns eben genau aus dieser Kontinuität wirft, das uns unhintergehbar vorführt, dass, was wir als Zivilisation ausgeben, keinen Rückhalt hat in der historischen Wirklichkeit, dass es damit auch keine Versicherung abgeben kann für die Zukunft.

Immerhin die lineare Zeitrechnung, in der wir uns bewegen, ist gnädig. Sie ist so gnädig wie trügerisch. Sie suggeriert, dass Geschichte als Abfolge zeitlich begrenzbarer, also abschließbarer Ereignisse bestimmt werden könnte. In Kulturen mit zyklischen Geschichtsauffassungen dagegen wird jede Gegenwart begriffen als Wiederholung, als Variation und Wiederkehr eines schon Gewesenen. Tzvetan Todorov, bulgarischer Sprachwissenschafter, erklärt den Genozid an den indigenas Nord- und Lateinamerikas unter anderem dadurch, dass die Ankunft der Weißen als etwas so radikal Anderes erlebt wurde, dass sie nicht mehr einzuordnen war auf der Basis der geschichtlichen Überlieferung – ein noch nie Dagewesenes, empfunden als Schweigen der Zeichen, als Schweigen der Götter. Die Demoralisierung der indigenen Gemeinschaften war die Folge, der Genozid an ihnen ein umso Leichteres. Für die Kolonisatoren dagegen, die nicht zuletzt unsere heutige Weltordnung mitbegründet haben, war die Eroberung Amerikas vor allem eine Entdeckung des Anderen. Das „America first“, die Losung, die der neue US-amerikanische Präsident ausgerufen hat, meint also ein Land, das ursprünglich von den Anderen bewohnt war. Die heutigen Amerikaner wiederum sind ursprünglich mehrheitlich Europäer. Hübsch zu sehen, wie wenig haltbar nationale, ethnische und geopolitische Zuordnungen sind. Und wie gewaltsam sein kann, was ihnen an Geschichte vorausgeht.

Unsere Zeitrechnung also ist gnädig. Sie ermöglicht in Kategorien von Damals und Heute zu denken. Sie ermöglicht so auch eine Gewöhnung an das Unfassbare, an die Zäsur, die der Holocaust darstellt in der Geschichte der Humanität. Hand in Hand mit der Gewöhnung geht die Annahme, dass wir es mit einem abgeschlossenen und singulären Ereignis zu tun haben, das mittlerweile schon ein historisches sei. Die Annahme kann nur gelingen, wenn wir die strukturellen Bedingtheiten ausblenden, die dazu geführt haben. Wenn wir ausblenden, wie sehr das Unfassbare des Holocaust einherging mit Voraussetzungen, die als Normalität galten, wie sehr also Schrecken und Normalität deckungsgleich werden können.

Vielleicht brauchen wir Erinnern auch dazu: dass es uns immer wieder neu aus der Gewöhnung kippt und aus dem, wie Herta Müller es nennt, „Ticken der Norm“.

Laut Erhebungen aus den Jahren 2016 meinen an die 70% der Bevölkerungen von Deutschland und Österreich, man möge „die Geschichte ruhen lassen“. Man meint damit nicht die nationalen Heldengeschichten, die unsere kollektiven Identitäten begründen sollen, sondern die nationalsozialistische. Das muss nicht dazu gesagt werden, die Worte sind ja immer im Verbund mit dem Nichtgesagten. Man möge also, so 70 % der Bevölkerungen Deutschlands und Österreichs, die nationalsozialistische Geschichte ruhen lassen. Als wäre Geschichte ein Subjekt, das man so einfach schlafen legen und ruhig stellen kann. Als wäre sie nicht das, was die Konsequenz aus unzählbarem menschlichen Handeln oder Nichthandeln ist, das wir als unbegriffenes und unbegreifbares Erbe mit uns tragen. Geschichte ruht nicht. Und am allerwenigsten ruht sie in Frieden.

Staat und Politik wissen das durchaus und haben das Erinnern auch zu ihrer Sache erklärt, institutionalisiert, ritualisiert, jährlich begangen. Es steht für sie in keinem Widerspruch dazu, Grenzzäune zu fordern oder Obergrenzen festzulegen für Menschen, die anderswo gehen müssen, aus unterschiedlichen, fast immer aber zwingenden Gründen. Die Suche nach Menschenwürde kann also, wo diese Suche die Anderen betrifft, auch zur Illegalität erklärt werden. Politisch ist das nur dort möglich, wo es eine gesellschaftliche Bereitschaft gibt, eine „Kultur des Ressentiments“ (György.Konrád) zu schaffen. Ohne eine solche wäre die Shoa, wäre keine Form des Faschismus möglich geworden. Und ich sehe in unserer Gegenwart nicht wenige, und das meint zu viele Zeichen für eine solche Bereitschaft zu einer „Kultur des Ressentiments“. Wir kennen die Diskurse, wir kennen die Narrative, die dazu gehören. Wir kennen ihre strukturellen Ähnlichkeiten, egal wo sie geführt werden. Wir kennen die Beschwörungen ostentativer Zugehörigkeit und der so schemen- wie schimärenhaften Konstrukte nationaler und ethnischer Einheiten - auch wenn diese jeglicher Realität widersprechen. Und wir kennen die Folgen einer Politik, die auf dem irrationalen Gefühl der Benachteiligung des Eigenen gründet. Wir kennen auch die Beschwörung der Szenarien von Überflutung durch – wie immer definierte – Andere. Wir kennen die dazugehörige Metaphorik der Wellen und der Ströme, und wir wissen, dass diese Metaphorik nicht nur sprachlicher Ungenauigkeit geschuldet ist, sondern dass sie vielmehr eine bewusste Verschiebung von Bedeutung schafft. In der Logik dieser Sprache werden tausende Biografien gleich, sie werden zu gleichen Anderen, gegen die es eine vermeintliche Einheit des „Wir“ zu setzen gilt.

Die Diskurse funktionieren. Und sie werden zunehmend mehrheitsfähig, gewöhnlich, normal. Weil der Mechanismus der Separierung der Einen und der Anderen so umfassend anwendbar ist. Selbst das Gedenken, in dem wir uns hier zusammenfinden, ist – auf einer anderen Ebene - davon nicht ausgenommen, selbst die über die Jahrzehnte geschaffene Gedenkkultur unterscheidet anerkannte Opfergruppen und solche, die nicht bedacht werden – wie bspw. die Frauen, die wegen „verbotenen Umgangs“ mit Kriegsgefangenen verfolgt wurden und bis heute nicht rehabilitiert sind. (Den Hinweis verdanke ich Gert Kerschbaumer).

Ich gehöre zu denen, die man Nachgeborene nennt. Die Sprache ist so gnädig wie die Zeitrechnung. Auch in ihr gibt es ein Danach, das den Charakter eines Anfangs haben möchte. Meine erste Einübung in dieses Danach passierte beim Streunen in meiner Herkunftsstadt Linz, es sind erratische Bilder, Bilder von stillgelegten Schienen in kaum belebten, grauen Vierteln, Schienen von früheren Lastenzügen der Voest, der ehemaligen Göring-Werke. Welche Lasten damit transportiert, wofür sie gebraucht und welche Weichen damit für wen gestellt worden sind, habe ich mich erst später gefragt. Das Bild der Schienen aber, rostig und überwuchert von Unkraut und Gras, ist mir geblieben und zu einem wortlosen Sinnbild von Geschichte geworden, Sinnbild für das Untergründige und Unterschlagene, über das man Unkraut hat wachsen lassen und Gras. Eine zweite Einübung in das Danach ging weiter, ein paar Kilometer hinaus aus der Stadt, nach Mauthausen, ich war ungefähr zwölf. Der Eindruck des Lagers war einer, hinter den es kein Zurückgehen gab, war ein frühes Gefühl einer bodenlosen Unheimlichkeit. Was die Schienen noch zuließen an Phantasie, war hier zur unhintergehbaren Nähe von Tatsachen geworden.

Seit ein paar Jahren weiß ich, dass mein Großvater Koch im KZ  Dachau war. Ich habe ihn nicht gekannt, nur als Leerstelle, die sich erst in diesem Jahrhundert füllen sollte. Es hat ihm nie jemand nachgefragt, auch üble Nachrede hatte er keine. Das Berliner Archiv bestätigt seinen Eintritt in die NSDAP am 1.Mai 1938. Auch diese Abschrift löst Unruhe aus in mir und die Erinnerung daran, wie ich als Jugendliche etwa einen Sommer lang, Wochenende um Wochenende, nach Mauthausen gefahren bin, heimlich, als würde ich Verbotenes tun, und ohne zu wissen warum, aus einer Dringlichkeit heraus, deren Anlass mir nicht zugänglich war. Wie die Landschaft rundum von unerträglicher Schönheit war und wie ihr Blühen die Verstörung noch vergrößerte. Wie ich mich auf eine unbenennbare Weise eingebunden fühlte in das formlose Wesen einer Schuld, die greifbar war, ohne mir begreifbar zu werden.

Schuld ist nicht teilbar. Wirksam ist sie dennoch, und sie hält sich dabei nicht an die Grenzen der Generationen. Auch deshalb braucht Erinnern zwei Richtungen, um nicht zur Pathosformel zu werden. Es muss die Paradoxie leisten, nach hinten wie nach vorne gerichtet zu sein. Weil jede Geschichte potentiell auch das in sich trägt, was ihr folgt, weil jedes Danach immer auch das Davor ist von etwas, das wir noch nicht kennen, aber gerade noch gestalten können.

Wie aber ließe sich Erinnern zur gelebten Praxis machen, zum Teil einer Grundhaltung, die Sprechen, Denken und Handeln affiziert, und zum Referenzraum, aus dem heraus neue Erzählungen geschaffen werden können, neue Narrative, die unser Menschsein betreffen und das, wie wir uns selbst und wie wir die Anderen verstehen wollen. 

 

 

 

Zu Georg Trakl: Psalm

Als gäbe es kein Jenseits des Textes, als wäre nicht hinauszukommen über die Ränder seiner Bilder, seiner Sprache, als wäre man mit dem Eintreten in die Sätze hineingezwungen in seine Gegenwärtigkeit, seine Gewärtigkeit. Auch in eine an die Spitze getriebene Dissonanz, die buchstäblich und buchstäblich hörbar wird im eingefrorenen, nur in den Bildern gebannten Aufruhr einer heillos auseinandergesprengten und ausgeschlachteten und schließlich in und an sich selbst zutiefst erschöpften Welt. Die wir doch immer noch und immer wieder als die unsere erfahren müssen.

Schonungslos die Unmittelbarkeit in diesem Text, eine Unmittelbarkeit, die sich auflöst und wieder neu herstellt auf einem Gelände von wüster Ruhelosigkeit und in Sätzen von pochender, pulsierender Präsenz, die Beruhigung nicht zulassen, auch mehr als 100 Jahre nach ihrer Entstehung nicht. "Es ist" ja noch immer. Und was sich in dem "Es ist" dieses Textes aufhält und auftut und tobt, fängt vor ihm an und läuft hinter ihm weiter, ohne einen Anfang und ohne ein Ende denkbar werden zu lassen, stattdessen nur ein immer Äußerstes, an dem entlang wir uns bewegen, einen Fluchtpunkt, an dem Magie und Materie eins werden, an dem das Monumentale und das zerfallene Einzelne zusammentreffen, zusammenfallen in einer Sprache der Anwesenheit, die dem immer schon und immer noch Uneingelösten entgegengesetzt wird, die auf einen monströsen Mangel, auf eine schamlose Abwesenheit verweist, "o unser verlorenes Paradies".

Kein Himmel geht einem auf über diesem Text, der sich Satz für Satz antreibt und weitertreibt und gewaltsam in sich aufnimmt, was ihm unterkommt, was sich ihm unterschiebt, das von jeder Geschichte und von jeder Zeit Verworfene und Aufgegebene und auch das unerzählt Liegengebliebene, als wäre er Echoraum, Resonanzraum für alles je Gewesene und für alles nie Gewordene, für alles Gedächtnis und für alle Zeit, die von ihm und in ihm aufgehoben wird, als fände sie nirgends sonst Raum. Aus jeder metaphysischen Vorstellung gelöst und zurückgeholt auf die doppelten Böden von dem, was ist und was nicht mehr wird und was nicht vergehen will.

Fassbar nur in einer Logik ungeschützter Sinnlichkeit, die dem Verstand vorausgeht, und gerettet nur durch die und in der Form, treibt sich ein zwingendes Gedächtnis um in diesen Sätzen, die ihre eigenen Schlüsse ziehen, immer wieder neu und vielleicht für jeden andere. Ein skandalöses Gedächtnis, das nach hinten wie nach vorne reicht und weit ins menschheitsgeschichtliche Unglück hinein. Ein Gedächtnis, das jede Zeitgenossenschaft, auch jede mögliche und jede unmögliche Realität unterläuft, weil es sie längst eingeholt hat.

Was wir an ein vorgebliches Jenseits - ein Jenseits des Erinnerns, ein Jenseits der Bilder - verraten haben wollen, das holt dieser Text wieder ein, das spannt er zusammen und schließt es kurz, und holt es solcherart kurzgeschlossen zurück in sein bis zur Unerträglichkeit behauptetes Kontinuum einer radikalen Diesseitigkeit, die der Text aushalten will, aushalten muss, in einem endlos variablen und zugleich stillgelegten, nur immer aufs neue ausgestoßenen und ins Unerhörte hinein gedehnten Zustand der Immanenz, sehr nah an der Implosion und dennoch gezwungen zur Dauer. Und was wäre bestürzender als die Vorstellung von Dauer.

Unablässig dementiert dieser Text, dass Erinnerung je abgeschlossen sein könnte, dass etwas am Ende sich zu Ende bringen ließe. Und zugleich weiß er mit jedem seiner radikal vereinzelten und höchstens durch ihre Vereinzelung verbundenen Sätze darum, dass auch jedes Erinnern nur ein gebrochenes Erinnern, nur ein abwegiges Erinnern, nur ein Erinnerung vortäuschendes Erinnern sein kann, hinter dem die Wirklichkeiten, so es sie denn gegeben hat, verschwunden sind, allenfalls noch etwas zurücklassend, was als Bildspur, als Einlagerung, als Verhärtung oder als Unruhe unter der Haut spürbar wird in einem unerwarteten Moment, in einem kurzen Aufblitzen und Vergehen, das uns sehr plötzlich erahnen lässt, dass wir zurückreichen hinter unsere Erscheinung, hinter die körperliche, die greifbare Form unserer Existenz. Dass wir ein unbegreifbares und unbegriffenes Erbe annehmen mussten, dass wir nichts sind als die Nachwirkung, die Nachwehen eines immer schon Vorausgegangenen, einer an- und aufgehäuften und weiter sich an- und aufhäufenden Hinterlassenschaft von Generationen und ihrer einbehaltenen Geschichten, ihrer unerlösten Begehren, ihrer weithin verschleppten und von den Jahrhunderten beglaubigten Schmerzen, ihrer nie verzeichneten Momente des Glücks einer vielleicht noch hastig geteilten Einsamkeit, für Augenblicke eingestimmt in ein Geraune von nie erzählten Geschichten, schließlich aber auslaufend in die Stummheit, die hinter jedem Sprechen liegt.

(Vorgetragen zum Trakl-Tag der Lyrik, 4.11.2014, Salzburg Museum)

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(Ungezählte unerzählte Geschichten, ein Raunen, ein Murmeln. Maßlose Wiederholungen, kaum variiert. Choreographien des Wartens, sehr zeitlos. Begegnung, Verstrebung und Verquerung, vertrackte Nähe, ein Brocken Glück. Neugier, Verschwenden und spröde Erfüllungen, in der Mehrzahl und unhaltbar. Reibung, die immer auch Berührung ist, zwingend eingeübt in das Archaische der Mechanik: Arme, die greifen, unbeirrbar, nach einander, ineinander, das hört nicht auf. Und wie vertraut unvertraut man sich doch ist, am Ende.)

Manchmal ein Einrasten, beinah ein Begreifen. Dann ist es gut.

 

(Textbeitrag zum Literaturfest 2012 / Thema: Mann + Frau.
In: Salzburger Nachrichten. Sonderbeilage, 26.5.2012)

 
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Anagramme

 
Die Sonne sinkt am Huegel / und wir haben im Schlaf geweint

(Aus: Georg Trakl: Wanderschaft; Abendland, 1.Fassung (b))

 

Die Sonne sinkt am Huegel und wir haben im Schlaf geweint.
Kein Tag schneidet uns den Himmel auf. Sag, wohin leben wir,
so nah am Krieg. Den Weg schleifen Tauben, im Wind suhlt ein
Baum sich und faellt. Wie ohne Sinn geht ein Kind, wer mag es
lieben im Dunkeln, wer wiegt es im Foehn nach Haus. Da singt
die Sonne am Huegel und sinkt. Geweint haben wir im Schlaf,
leise hin, wund, am Weiher, im Sand. Kein Gebet folgt uns nach.

(in: "da die bäume, die sprache, ein schlaf")

 

 

Ich weiß, meine Trauer / hält das Grün nicht auf. / Und

bebt ein Halm, / so ist es der Wind.

(Wislawa Szymborska)

 

Ich weisz, meine Trauer haelt das Gruen nicht auf.

Und bebt ein Halm, so ist es der Wind, /

und blaest der Wind, traegt er die Nacht ums Haus.

Wozu Heimat, ich liebe ins Ferne, ins /

 unwegsam Heisze; dort warte ich und bete an

und schlafe ein, bis das Tier in mir heult. /

 Ich falte Zeit, die rohen Stunden, und was mir

nah bleibt, ist dieses warme Gruen, auch /

 meine Trauer. Es ist so, ich weisz. Ein Halm bebt

und der Wind haelt das Gruen nicht auf.

 

 

Schön ist die Stille der Nacht / Auf dunklem Plan / Begegnen wir uns

(Aus: Georg Trakl: Helian)

 

Schoen ist die Stille der Nacht. Auf dunklem Plan

begegnen wir uns, /

fallen und tauschen die Koerper, wund, ins

Gegenlicht, mit blassen, /

schamlosen Augen. Fluechten tun wir, spielend,

denn bald ist Krieg. /

Da flechten wir uns Psalmen in den roten Leib

und hastiges Glueck, /

grundlos, blind, gepachtet fuer diese Nacht -

sie will uns kennen, am /

ungestillten Hunger, am sinnlichen Pfandstueck

der Liebe. Wo das /

Unendliche beginnt, da schlafen wir, ins Kalte

gemuendet, spurlos.

 

(Aus: da die bäume, die sprache, ein schlaf)

 

 

 

Ein Himmel, ein Auftrag, ein Spiel 

1

Am Abgang zur Metrostation Copilco in Mexico-Stadt steht ein Junge auf den Stufen, klein und mager und vielleicht sieben oder acht Jahre alt, er hat ein T-Shirt an mit der Aufschrift Soy un niño sin amor y sin dinero. Ich bin ein Kind ohne Liebe und ohne Geld.

Was er darstellen soll, ist ihm auf den Leib geschrieben, ein Kind ohne Liebe ohne Geld, in dieser untrennbaren, scheinbar notwendigen, scheinbar zwangsläufigen Verbindung, als wäre das eine ohne das andere nicht zu haben. Er wird sein T-Shirt auftragen und mit ihm das, was ihm aufgetragen ist: Kind zu sein und um Geld zu bitten, das vor jeder Liebe kommt oder das sie ersetzen mag. Er wird sein T-Shirt abtragen und sich selber daran, bis er aus ihm herausgewachsen ist, bis sein Kindsein so zerschlissen ist, dass es ihn nicht mehr decken kann. Er steht und trägt es, Stunde für Stunde, als wäre er durch nichts zu bewegen, als wäre er durch nichts zu berühren, als wäre er abgestellt für die Ewigkeit, die sich Kindsein nennt. Das Bild ist blass und nachhaltig stumm. Es hat nichts weiter zu sagen.

 

2

In einem bestimmten, bis zur Unschärfe verdichteten Moment des bestürzenden, an kein Ende kommenden Kontinuums, das wir gewohnt sind, Kindheit zu nennen, ist das Kind, das ich nicht bin, ist das Kind, das nicht Ich ist, bin ich als Kind auf einem Trabrennplatz, mit einem Vater, der sein Geld verspielt, einer Mutter, die ihr Stummsein hinunter isst mit billigen Broten. Es regnet, neben ihnen, neben uns, neben mir an der Abzäunung steht ein Mann mit einem schwarzen Pudel an einer Leine aus Leder und mit Strassperlenbesatz, einem jungen Tier, dem die Verletzlichkeit anzusehen ist. Es friert, es friert sichtbar und maßlos, und das Kind, das ich für diesen Moment bin, kann nichts sehen als den Hund, allenfalls noch den Himmel, der ohne Antwort ist, der weiter ist als der Platz, vollkommen leer, vollkommen grau, vollkommen unzugänglich, das Kind windet sich, beugt sich, kniet sich zu dem Tier, reibt ihm das nasse Fell, den zittrigen Körper, redet ihm zu und sich selber damit, ohne das Wort für letzte Dinge. Und spürt, dass das Tier ruhig wird, hingegeben an den Moment, an die Berührung, vielleicht auch an das Erschrecken darüber.  

Die Rennen sind gelaufen, Geld ist gewonnen oder verloren, die Atmosphäre dampft, die Pferdeleiber dampfen, die Menschenleiber dampfen und bilden eine ununterscheidbare, nebelhafte Masse, eine Masse seelenloser Körper, unwirkliche Erscheinungen unter diesem Himmel, der gottlos ist, der mitleidlos ist, vollkommen gleichgültig, vollkommen leer. Das Kind kniet neben dem Hund, sie teilen das Frieren, als wäre das ihr Spiel. Die Eltern werden bald gegangen sein, sie werden ihre brüchigen Leben mitgenommen haben, ihre abgenutzten Chancen, ihre Besinnungslosigkeit, das Kind, das ich nicht bin, das Kind, das nicht Ich bin, das Kind möchte zurückbleiben, möchte vergessen werden, vergessen sein, möchte sich selbst vergessen in der Berührung des Hundes, der ihm für diesen Moment näher ist als alles sonst ihm je war. Und der, als das Kind von einer Mutter abgezogen wird, ihm nachzulaufen versucht, an der Leine zerrt, in die Richtung des Kindes drängt, getrieben vom plötzlichen Verlust der Berührung und von der Ahnung einer helleren Welt. Der Mann, der in einen Safari-Anzug gepresste, der seine Verluste auf Wettscheinen berechnende, der eine Zigarre rauchende Mann, Autohändler und ein falscher Freund des Vaters, der Mann, der den Hund an der zu kurzen Leine aus Leder mit Strassbesatz hält, der Mann tritt den Hund gegen den Zaun, mit einem gezielten, einem kraftvollen, einem vorsätzlichen Tritt, einer intakten, einer in nichts unsicheren Geste, das Tier winselt, es fällt gegen den Zaun, bleibt, voller Erstaunen über die erfahrene Gewalt, diese Gewalt auf kleinstem Raum, für einen kurzen Moment gefallen am Boden, als müsste es erst zu sich kommen, zum Bewusstsein seines Körpers, seiner Verwundbarkeit, seines Willens zu stehen, es sammelt sich und kommt auf die Beine und sucht neuerlich die eingeschlagene Richtung, auf das Kind zu, dem Kind nach, eine impulsive Fluchtbewegung, getrieben vom noch am Körper abrufbaren Erinnern daran, berührt worden zu sein.

 

3

Die Zusammenhänge sind glücklos. Zwischen Himmel und Zaun fällt der Regen, fällt das Spiel um Gewinn oder Verlust und fällt die Gewalt, die mit im Spiel ist. Zwischen Himmel und Zaun liegen die Worte Kind und Hund, aber keines für die haltlose Anziehung zwischen beiden. Für ihre fiebrige Suche nach Nähe, für das hastige Glück ihrer geteilten Einsamkeit. Für den darauf folgenden unabänderlichen Verlust, der das Kind einnimmt als Leere, der es nicht gewachsen ist.

Die Zusammenhänge sind glücklos und im Ansatz abgebrochen. Was als Nähe hätte dauern wollen, wird zu einem schneidenden Gefühl, das nach Schuld schmeckt. Das Kind hat auch dafür kein Wort, es hat nur das Bild des Hundes, des an seine Berührung hingegebenen Hundes, der an den Zaun und aus der Nähe getreten wird, weil er ihm, dem Kind, und ausgelöst durch seine Berührung, nachlaufen will. Und das Kind, das in diesem Moment ganz Ich ist, das Kind macht die Erfahrung des Ineinanders von eigener Verantwortung und Außenwirkung. Es erlebt das eigene Tun als eines, das Gewalt nach sich zieht, es erlebt das Erschrecken über sein Tun. Es erlebt die Erfahrung eines Schmerzes, der maßlos scheint und unteilbar. Und der das Kind an sich selber verzweifeln lässt, im Moment des Weggezogenwerdens, des besinnungslosen Zurückschauens auf den Hund, der nun reglos, aufrecht und auf bizarre Weise verloren am Zaun an seiner zu kurzen Leine hängt, ein restlos stummes Bild, zwischen Himmel und Zaun gezwängt, eingeprägt in einen gewaltsamen Zusammenhang, der größer ist als dieser Moment, der größer ist als das Kind, das ich nicht bin, der größer ist als das Kind, das nicht Ich bin, der größer ist als das Kind, das alles sein wollte, nur nicht dieses Kind. (...)

(Veröffentlicht in: Als Kind war ich weise. Hg. von C.W.Bauer, Innsbruck, 2009)

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Über / Essen

"Alles, was gegessen wird, ist Gegenstand der Macht. Der Hungrige fühlt leeren Raum in sich (...) Der Essende nimmt zu an Gewicht, er fühlt sich schwerer. Es liegt darin eine Prahlerei; er kann nicht mehr wachsen, aber zunehmen kann er, an Ort und Stelle, vor den Augen anderer." (1)

1

Und was, wenn etwas Obszönes im Akt des Essens läge. Wenn, was uns als selbstverständliche Alltäglichkeit, als unhinterfragte Notwendigkeit, als Mittel zum Genuss, zum gesellschaftlichen Austausch, zur sozialen Distinktion oder zur Einübung in die Sozialisation gilt, eine brutale, eine rohe, eine verstörende Seite hätte. Wenn, kaschiert durch Etikette, sublimiert und normiert durch Sitten, Regeln und Benimm, ritualisiert, erotisiert und aufgeladen durch vielfältige Symbolik oder sakralisiert in der Eucharistie, der Akt des Essens letztlich ein monströser Vorgang bliebe, bei dem wir uns - in einer kleinen, scheinbar harmlosen Verschiebung der Grenze zwischen Innen und Außen - aneignen und einverleiben, was uns nicht gehört / was nicht zu uns gehört.

Ein in seiner Struktur kolonisatorischer Akt also, mit dem wir eintreten in eine heimliche Intimität mit uns selber - letztlich sind wir beim Essen so allein mit uns, wie wir es später einmal sein werden, am Ende - und aus dem wir Befriedigung ziehen, eine zwar immer vorläufige, letztlich haltlose, für Momente aber tief empfundene Befriedigung, die sich ausbreitet in unseren Körpern, seinen geheimen Gängen, Windungen und Verdauungssystemen, die ohne unser Zutun ihre Arbeit verrichten. Als könnte dieser barocke Vorgang des Aufnehmens, Verdauens und Ausscheidens, in dem sich alles irdische Werden und Vergehen abbildet, uns hinwegretten über das Ungestillte und Unstillbare und Unerlöste, das unsere absurde Gattung der Menschheit ausmacht, über den Hunger und die Gier, die mit uns auf und in die Welt gekommen und die - wie jedes Begehren - nie endgültig zu beruhigen sind. Wir werden doch so einfach nicht satt.

Vielleicht also geht es bei aller ästhetischen Inszenierung, bei aller rituellen Verbrämung, in die wir unsere Nahrungsaufnahme kleiden, darum, uns darüber hinwegzutäuschen, dass ihr letztlich nichts anderes zugrunde liegt als der atavistische Trieb, Beute zu machen. Und weil diese Beute nicht mehr direkt zu fassen ist - schließlich haben wir auch Produktion und Verteilung unserer Nahrung in den Dienst der kapitalistischen Ökonomie gestellt - und wir sie meist nur mehr vermittelt in industriell gefertigter, künstlich konservierter und geschmacksverstärkter Form zu uns nehmen, müssen wir die symbolischen Funktionen des Essen verstärken, überhöhen, pflegen. Wäre demnach - und  die Krankheitsbilder der Anorexie und Bulimie sprechen dafür - Essen nicht auch begreifbar als Komplex, in dem sich eine zunehmende Desintegration unseres Selbst manifestiert und zugleich nach Auswegen sucht? Wäre der Rückgriff auf Askese oder auf orale Lust zu verstehen als Versuch, einen Rest leiblich-sinnlichen Erlebens zu bewahren, als Kompensation der Erfahrung von Sprachlosigkeit und Ent-Mündigung, von Sinnverlust und Leere?

 

2)

Freilich haben wir gelernt, das gekonnte Hantieren mit Messer und Gabel zwischen Gier und Mund zu schieben, haben die orale Lust zu einer Lebensnotwendigkeit herunterstilisiert, haben unserer Nahrungsaufnahme einen Überbau geschaffen, den wir als Teil unserer Zivilisiertheit begreifen wollen. Was aber, wenn darunter und dahinter sich dennoch nichts anderes verbergen würde als Aspekte der "kannibalischen Ordnung"? (2), die darin besteht, dass wir vom Anderen essen, um es zum Eigenen zu machen?

Die Tiere, die, weil wir sie essen wollen, gezüchtet, geschlachtet und zu jährlich 300 Millionen Tonnen konsumierbarem Fleisch verarbeitet werden, fressen ihrerseits 800 Millionen Tonnen Soja und sonstige Futtermittel im Jahr. Vier Fünftel der weltweit landwirtschaftlich genutzten Flächen werden für Haltung und Fütterung der Tiere, die wir essen wollen, benötigt. Die europäische Fleischproduktion allein beansprucht 13 Millionen Hektar südamerikanische Anbauflächen für Futtermittel. Setzt sich der gegenwärtige Trend fort, wird der Fleischkonsum bis Mitte unseres Jahrhunderts auf eine halbe Milliarde Tonnen steigen. (3) Steigen wird damit auch die Verschubmasse, der "Ausschuss", den die Fleisch- und Milchindustrie produziert: die männlichen Küken etwa, die unmittelbar nach dem Schlüpfen selektiert und verschreddert werden. Oder die für die Milchindustrie unproduktiven Bullenkälber, deren Vergasung günstiger kommt als deren Aufzucht.

Dimensionen, die nicht zu fassen sind, es sei denn als Ausdruck von Hybris und von einem pervertierten Verständnis dessen, was Leben und Überleben bedeuten. Vielleicht auch als Ausdruck dafür, wie Ordnungen dahin drängen, sich selbst zu übersteigen, sich selbst zu verschwenden, um schließlich und endlich (endlich) in sich zusammenzufallen.

Unverdaubar auch die Bilder. Eine Dokumentation über den US-amerikanischen Konzern Tyson-Foods, der wöchentlich 42 Millionen Tiere schlachtet, beginnt mit einer hübschen Idylle: südamerikanische Wälder, abgeholzt und nach zwei, drei Jahren extensivster Nutzung zum Brachland geworden, tot wie die Rinderleiber, die faschierten Körper, die entsorgten Reste dessen, was wir essen werden. Ein Greifarm fährt in die Knochen, hebt die Skeletteile, hievt sie im rechten Winkel in einen hohen Container, wirft sie ab. Im Container türmen sich Tonnen von Skeletten, gebrochenen Knochen, zermalmten Wirbeln. An einem Hebekran befestigt, schiebt sich ein Mahlwerk darüber, hebt sich und senkt sich ab, zerstampft die Knochen mit einer Wucht, der nichts standhalten mag, hebt sich und senkt sich ab, zerstampft die Knochenmasse zu Mehl, hebt sich und senkt sich ab, das Mehl wird an Fische und Hühner verfüttert, das Rinderblut dem Futter für Kälber zugesetzt, auch das ist die kannibalische Ordnung, wo Eines vom Selben isst. Der Bericht ist unterlegt mit Arien aus Nabucco, von Callas gesungen. Drei Kulturleistungen: die Erfindung von Greifarmen, Mahlwerken, Opern.

 

3

(Aber: Wie wunderbar, dass in jedem System auch die Möglichkeit zu seiner Über- oder Unterschreitung liegt. Ich hatte mir früh schon sehr herzlich gewünscht, Hungerkünstlerin zu werden. Eine Passion und Profession daraus zu machen, langsam, planmäßig und gezielt an Gewicht zu verlieren, Woche um Woche und Monat um Monat an meinem Verschwinden zu arbeiten, um teilzuhaben an der Leichtigkeit der Welt, um in sie einzugehen und in ihr aufzugehen. Und um dann wiederum, in nächsten, ebenso gezielten und planmäßigen Schritten, wieder an Gewicht zuzunehmen, mich aufzublasen, aus der Form zu gehen und aus der Norm zu fallen durch einen nach allen Richtungen sich ausdehnenden, maßlos wuchernden, nicht mehr fassbaren, nicht mehr kontrollierbaren karnevalesken Leib, mit dem sich teilhaben lässt an der Fülle der Welt, mehr noch, der selbst diese Fülle ist.)

 

Anmerkungen:

1) Elias Canetti: Zur Psychologie des Essens. In ders.: Masse und Macht. Fischer Tb, Frankfurt 1980, S. 243, 247)

2) Jaques Attali (Campus Verlag, Frankfurt 1981) verfolgt in seiner Sozialgeschichte der Medizin "die kannibalische Ordnung" als konstante, sich in verschiedensten Inszenierungen und Maskierungen abbildende Grundstruktur aller menschlicher Gesellschaften. Diese bestehe in der Absonderung des Übels (d.i. des Todes), durch seinen Verzehr, seine Aneignung.

3) Zu den Bedingungen und Auswirkungen der Massentierhaltung, zu Schlachtbetrieben und Schlachtungsvorgängen, zu ökonomischen Kontexten und ökologischen Folgen des Fleischkonsums vgl. Jonathan Safran Foer: Tiere essen. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2010

 

Veröffentlicht in: SALZ 160 - Themenheft: Essen

 

 

 

 

 

Kulturbrief aus Vĕtřní / Südböhmen

Wie viele Orte in unseren Weltgegenden mag es geben, an denen keine Veränderung greift. Die einem selbst über Jahre hinweg unverändert erscheinen, so als wäre die Wahrnehmung des Ortes eingefroren gewesen, mehr noch als wäre der Ort selbst an einem bestimmten Moment zu seinem Stillstand gekommen, bis in kleinste Details hinein eingerastet in einem Zustand, der sich selbst überdauert hat. Als wären Zeit und Raum und Geografie übereingekommen, still zu stehen, als hätte überall sonst ein Zeitvergehen stattgefunden, aber nicht hier, wenigstens nicht im Äußeren, nicht im Sichtbaren oder Messbaren, allenfalls vielleicht in den Köpfen und Herzen der Menschen, die den Ort bewohnen, nur wie sollen sich Köpfe und Herzen denn einsehen lassen.

Vĕtřní, ein winziges Straßendorf nahe Cesky Krumlov, der touristischen Metropole der Gegend, ist wie zum Durchfahren gemacht, hier bleibt man nicht stehen, jedenfalls nicht freiwillig. Dabei ist es ein wunderbar elender, ein liebenswert düsterer, ein unsäglich weltabweisender Ort, mit einer Papierfabrik und geziegelten Fabrikschloten, aus denen weißer Rauch kommt, der mitgenommen wird vom Wind und abzieht, anderswohin. Mit Fabriksgebäuden in Plattenbauweise und langgezogenen, fünfstöckigen Wohnblöcken, an den Längsseiten von Mülltonnen gesäumt. Mit einem nicht mehr bewohnten, verfallenden Haus aus der Jahrhundertwende, einem kleinen Lebensmittelladen, der sich "Flop" nennt, einem aufgelassenen Restaurant, das "U Dagmary" (Zu Dagmar) hieß, und einer ebenso aufgelassenen Disco, von der nur noch der bleiche Schriftzug auf der Hausmauer über zugemauerten Fenstern geblieben ist.

Ich möchte mir Vĕtřní als Postkartenmotiv vorstellen, als Standbild einer Tristesse, die ein Auslangen gefunden hat mit sich selbst und die sich ganz unverstellt zeigt. Denn mit Fassaden hält man sich hier nicht auf, dieser Ort hat es nicht nötig, auf billigen Schein zu setzen oder Wirklichkeiten zu inszenieren.

Zwei Hunde, die sich auf der Hauptstraße treffen und von allen Seiten beriechen, dann jeweils alleine weiterziehen, als wären wenigstens sie eingeübt in die Codes der Moderne, in die Vereinzelung, die flüchtige Begegnung. Menschen sind auf der Straße nicht zu sehen, es ist früher Nachmittag, vielleicht hält man Siesta oder hat Schichtdienst in der Fabrik. Immerhin beruhigend - oder sollte es beunruhigend sein - , was der Blick auf überquellende Mülleimer nahelegt: dass auch in Vĕtřní gegessen und getrunken wird, und damit wohl auch geboren und gestorben. Ein großer roter Plastiksack mit gelber Penny-Aufschrift auf einer grauen Mülltonne ergibt einen Farbfleck, an den ich mich halten mag für einen Moment.

Ansonsten liegt eine farb- und zeitlose Gegenwärtigkeit über diesem Ort, oder vielmehr eine gegenwärtige und ihrer selbst nicht gewärtige Zeitlosigkeit. Und so wenig man sich einen Anfang vorstellen kann zu diesem Ort, so wenig ist er zu Ende zu denken. Vielleicht also sind es Orte wie dieser, die überdauern werden. Vielleicht haben sie es schon längst getan. Und vielleicht muss man sich die Menschen, die in Vĕtřní zu Hause sind, so wie Sisyphos als glückliche Menschen vorstellen.

Es hat also nur bedingt etwas Tröstliches, wenn ich in Český Krumlov fünf Kilometer weiter feststellen darf, dass Geschäfte sich aufgelöst haben, Häuserfronten abbröckeln, andere wiederum saniert worden sind. Dass die kleinen düsteren Lebensmittelläden, die es gottlob immer noch gibt, nunmehr chinesischen Besitzern gehören, dass die tschechischen Arbeiter ihre Mittagspausen im neuen Chinarestaurant verbringen, das fraglos am billigsten ist und in dem die Portionen am größten sind, dass zwar Touristen in unfassbarer Zahl nach wie vor sich im Zentrum tummeln, um sich einer nach dem anderen auf den Brücken über die Moldau fotografieren zu lassen oder mittels selfie selbst abzulichten, dass sie aber kaum mehr aus Österreich, Deutschland oder Italien, sondern beinahe ausschließlich aus China und Japan kommen. Dass also in einem kleinen Städtchen wie Český Krumlov sich weltweite Entwicklungen so unhinterfragt wie unhintergehbar abbilden und es mir scheinen will, dass Vĕtřní, dieses wunderbare, elende, düstere und endlos liebenswerte Vĕtřní einer der letzten Orte, vielleicht überhaupt der letzte Ort sein wird, der sich jeder Zukunft und damit einem unweigerlich mit Zukunft verbundenen Ende entgegenstellt.

(Aber was könnte bestürzender sein als die Vorstellung von Dauer.)

 

 (Veröffentlicht in: Literatur und Kritik / Juni 2015)